Warum Verdun?

Das ist eine doppelte Frage. Warum wollte ich nach Verdun? Aus einem Grund: Weil ich mich seit 2016 – als die Schlacht von Verdun genau 100 Jahre zurück lag – gefragt habe, warum es gerade in Verdun zu dieser Schlacht kam, die so viele schrecklichen Beinamen wie kaum eine andere hat. „Die Urschlacht“, die „Knochenmühle“, die „Hölle von Verdun“, die „Blutpumpe“. Warum gerade hier, an diesem Ort? Was macht Verdun so besonders?

Ich dachte, dass ich vielleicht etwas schlauer werde, wenn ich mir die Gegend mal anschaue. Ein guter Grund also für einen Ausflug mit Kamera! Inzwischen weiß ich, dass genau über diese Frage x Bücher geschrieben wurden. Eine eindeutige Antwort scheint es nicht zu geben. Es ist eine Mischung aus historischen und geografischen Gegebenheiten und der Starrköpfigkeit der Generäle. Verdun liegt auf den Maashöhen, die wichtigste Verbindungsstraße – der kürzeste Weg von Deutschland nach Paris – führt weiter unten auf einer Ebene direkt vorbei. Verdun wurde rein historisch schon immer als Eingangstor zu Frankreich betrachtet. Um es nun ganz simpel auszudrücken.

Interessant war für mich, dass Verdun selbst gar nicht so massiv betroffen ist. Neun Dörfer, die nördlich von Verdun lagen, wurden allerdings dem Erdboden gleichgemacht. An sie erinnern heute nur noch kleine Erinnerungstafeln.

Um Verdun herum hatte Frankreich in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg eine ganze Reihe von Festungsanlagen gebaut. Verdun war schon lange eine regelrechte Festungsstadt, durch den Ausbau der Festungen hatte sich das verstärkt.

Die Deutschen erorberten ziemlich schnell eine dieser Festungen, dann kämpfte man lange um eine zweite, Fort Vaux. Am Ende hatten sich die Franzosen und Deutschen quasi gegenseitig eingekesselt. Die Solaten, die noch lebten, waren am Verdursten, weil der Weg ins Hinterland für Botenbringer und Wasserträger unmöglich gemacht worden war. Weder Frankreich noch Deutschland haben die Schlacht gewonnen. Ein Weiterführen der Kämpfe war einfach unmöglich geworden, beide zogen ab und weiter – zum nächsten dramatischen Akt des Ersten Weltkriegs, der Schlacht an der Somme, die übrigens noch mehr Tote forderte.

Ich bin auf die erste Festung gestiegen – Fort Douaumont – und wollte am nächsten Tag noch das berühmte Fort Vaux besuchen, aber dann setzte ein massiver Sturm ein. (Irgendwie hab ich bei meinen Ausflügen Pech mit dem Wetter. Fünf Monate Endless Summer, und wenn ich verreise, kommt der erste Herbststurm! Ich suche also nicht unbedingt die für meine Fotos typischen dunklen Wolken. Sie scheinen mich irgendwie zu verfolgen)

Ich muss also bald wieder hin! Ich habe einfach nicht alles gesehen, was ich sehen wollte. Um ehrlich zu sein, habe ich bei diesem ersten kurzen Besuch sogar nur einen recht oberflächlichen Eindruck der Gegend bekommen, die übrigens – abseits der Schlachtfelder – wunderschön ist. Voller Wälder, Seen, Flüsse und Kanäle.

Der Besuch im (auf?) Fort Deuaumont war aber torzt der kurzen Zeit sehr speziell, da man – um zu diesem Fort zu kommen – kilometerweit durch Gebiete fährt, die inzwischen zwar bewaldet sind, aber Kriegsgebiet waren und von unzähligen Mineneinschlägen geprägt sind. Angeblich sollen überall unter der Erde noch die Überreste von Soldaten liegen, die man nie beigesetzt hat.

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Blümchen auf dem Weg zum Fort Doumont. Oben sieht man einen Beobachtungsturm. Die Soldaten konnten aus dem Inneren des Forts hinausspäen. In einer Dokumentation habe ich gelesen, dass diese Soldaten alle zehn Minuten ausgewechselt werden mussten, weil der Lärm der Einschläge unerträglich war. Sie wären taub oder verrückt geworden. Oder auch beides.

 

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Der Blick aus einem nachgebauten Schützengraben. Dafür musste ich auf den Zehen stehen. Es muss fürchterlich in diesen versumpften Gräben gewesen sein, wenn man nicht wusste, welches Grauen einem oben entgegenkommt oder erwartet.

 

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Einschlaglöcher am Fort – heute wehen dort die Flaggen von Frankreich, Europa und Deutschland. Wir sind eine glückliche Generation!

 

 

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Hier sieht man in der Ferne wunderschön die Hochebene, durch die die wichtigen Straßen und Eisenbahnlinien nach Frankreich führen.

 

Gräber, Gräber, Gräber …

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Und dann noch eine Szene, die mich im Nachhinein sehr berührte. Ich wollte das Beinhaus von Douaumont fotografieren, in dem die sterblichen Überreste von 130.000 deutschen und französischen Soldaten liegen, die man nicht identifizeren konnte. Allerdings stand ein junger, fröhlicher Mann immer im Weg. Es war ein bisschen verrückt. Er war inmitten all dieser Gräber und Erinnerungsstätten sehr gut gelaunt und ging immer mit seinem Smartphone vor der Nase auf und ab und lachte. Dabei kam er immer wieder ins Blickfeld meines Weitwinkel-Objektivs. Er ist auf einigen meiner Fotos zu sehen. Als ich dann die Treppen hoch und an ihm vorbei ging, sah ich, was er tat. Er skypte! Mit einer jungen hübschen Frau, die aus dem Smartphone herauslachte. Man hatte sich – kichernd – viel zu erzählen.

Ich musste an all die vielen vielen jungen Männer denken, die hier vor 100 Jahren so gelitten haben. Wenn man ihnen gesagt hätte, dass es mal ein vereintes Europa geben wird und dass alle drei Fahnen hier einmal wehen werden, hätten sie es vielleicht sogar ein bisschen geglaubt! Die meisten hier wussten und ahnten, wie sinnlos dieser Krieg war. Wenn man ihnen aber gesagt hätte, dass man mal ohne Leitung mit Bild und Video mit der Liebsten telefonieren kann – hätten sie das geglaubt? Ich vermute: Nein! Das klang wahrscheinlich utopischer als der Friede zwischen Frankreich und Deutschland. Obwohl, wer weiß.

skype

PS: Ich habe sein Gesicht geschwärzt, weil es ja nun diese komplizierten Datenschutzregeln gibt.

 

 

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